Richterin Alexander Salesch

19 Feb

Neulich im Landgericht. Ich bin da, um pressemäßig  zur Verhandlung eines jungen Mädchens zu gehen, die wegen Körperverletzung angeklagt ist – klingt nach einem soliden Vormittag. Doch dann der Rückschlag: die Verhandlung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, das Mädchen ist noch nicht volljährig.

Also stattdessen im Schwurgericht vorbeigeschaut. Dort auf der Anklagebank ein Mann geschätzt Anfang 50, sieht ein bisschen fies aus, irgendwie nach Aggressionsstau. Die Anklage: er soll seinen Lebensgefährten lebensgefährlich verletzt haben. Der tritt dann auch als Zeuge auf. Ist 69, schon ziemlich klapprig, und wie das im Alter oft so ist, mischt sich sein vermutlich bereits schlimmer gewordener Dialekt (irgendwas Alm-mäßig süddeutsches) mit einer insgesamt schlechter werdenden Aussprache und wirrem Inhalt zu einem vollkommen unverständlichen Gebrabbel. Der Richter wirkt etwas verzeifelt. Nach und nach ist dem Zeugen zu entwinden, dass ihm eines Abends sein langjähriger Lebensgefährte völlig unvermittelt mit der Bratpfanne ein paar Mal welche übergebraten hat. Dass er ihn danach auch noch mit verschiedenen Brot- und Buttermessern massakrierte, weiß der Zeuge schon nicht mehr, ist aber der festen Überzeugung, dass der Angeklage dies nicht mit Absicht getan habe und beeilt sich, diese Überzeugung zu Beginn jeden Satzes zu verlautbaren.

Die Kollegin sagt, das ist nix für uns, also diesen Ort der Verwirrung verlassen. Der Vergewaltigungsprozess läuft zwar schon seit Tagen, aber bevor man mit leeren Händen nach Haus geht, eben dort vorbeigeschaut. Gerade sagt ein Polizist aus und bemüht sich schwitzend um eine möglichst bürokratische Artikulationsweise. Der Angeklagte starrt auf seine Schuhe, das mutmaßliche Opfer ist auf dem Stuhl weitestmöglich nach vorn gerutscht, der Kopf nach hinten gekippt und regelmäßig entweicht ein lautes Seufzen.

Als nächstes sagt die beste Freundin des Opfers aus. Sie ist 17, ohne Beschäftigung, und tritt im Trainingsanzug auf, der fransige Kurzhaarschnitt sitzt. Ich bin kurz davor, mich bei der Regie zu beschweren über diese unrealistische und völlig überzogene Darstellung. Nach der Glaubhaftigkeit ihrer besten Freundin befragt, sagt sie “weiß nisch, die lügt öfters.” Als man wissen möchte, wie das Verhältnis des Opfers zum Angeklagten nach der Tat war, sagt sie: “Keine Ahnung. Das klingt jetzt vielleischt scheiße, aber das is nisch mein Leben.” Klingt scheiße, ja. Was genau sie bei der Polizei ausgesagt hat, weiß sie nicht mehr. Sie ist da so oft, da kann sie sich an einzelne Aussagen wie zum Beispiel zur Vergewaltigung ihrer besten Freundin nicht erinnern. Der Richter zeigt Verständnis.

Was danach das Opfer aussagt ist ziemlich erschütternd. Was allerdings auch erschüttert, ist die Tatsache, dass sie ein paar Wochen nach der Tat wieder bei ihm übernachtet hat, damit sie nicht in die Wohngruppe muss. Ich bin verwirrt – der ganze Tag hat mein Gehirn stark strapaziert, vielleicht komm ich nicht mehr mit? Drei Stunden im dunklen Fahrradkeller eingesperrt misshandelt werden und dann zwei Wochen später bei dem Typen auf der Couch übernachten, weil man zu besoffen ist fürs Wohnprojekt? Der Verteidiger sagt, er versteht das nicht. Ich muss ihm zustimmen. Ein weiteres Problem: das Mädchen ist zwar zur Polizei gegangen, dort aber bei erster sich bietenden Gelegenheit aus dem Fenster gesprungen und abgehauen, so dass eine rechtsmedizinische Untersuchung nicht stattfinden konnte. Keine Beweise.

In meinem Artikel kommt der Satz “Bück dich, Schlampe” vor – so ein boulevardesker Ansatz erschien irgendwie angemessen nach dem Tag.

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ein schwarzer Tag

21 Dez

Ich fahre nie schwarz. Da hab ich nicht die Eier dafür. Das hat mir nie jemand beigebracht. Aber neulich musste ich per S-Bahn einen Zug erwischen, Ticket mit Zugbindung. 2 Minuten zu spät aus dem Haus, während ich die Haltestelle erreichte, sah ich schon von weitem die Bahn, alles noch kein Problem, zügig angetrabt und das Ticketziehen war noch zu schaffen!

Doch dann die Katastrophe: Ein Grüppchen aufgetakelter, leicht minderbemittelter Teenie-Tussis stöckelt vorm Automaten, hat 5 Einzelfahrten eingeloggt und diskutiert nun darüber, ob diese in Anbetracht der sich bereits nähernden Bahn wohl noch bezahlt werden können, oder ob der Münzeinwurf eventuell nicht mehr rechtzeitig zu bewältigen sei. Mit Halten der Bahn entschied man sich gegen die Bezahlung und stieg ein. Mir blieb keine großartige Option, ohne diese Bahn würde ich den Zug verpassen und damit 29 Euro in den Sand setzen – beherzt stieg ich ein.

Die Bahn fuhr los, meine Nervosität stieg. Das schlechte Gewissen setzte ein. Rechtfertigungsvorgänge wiederholten sich in meinem Kopf: ich war nicht schuld, die Tussis haben den Automaten blockiert! Die Frau mir gegenüber lächelt mich an. Sieht man es etwa?? Achso, ich hab die 2 Euro 20 noch in der Hand. Ab der zweiten Station beginnen die Leute um mich herum, ihre Tickets aus den Taschen zu kramen und genau zu studieren. Wahrscheinlich nur Zufall. Ich fühle mich unwohl. Nach der dritten Station glaube ich, nur noch Gespräche über Ticketkontrollen zu hören. Er sei heute schon zweimal kontrolliert worden, ganz ungewöhnlich, sagt der Mann hinter mir. Ein dunkelhaariger junger Mann mit getrimmtem Bart in schneeweißer Daunenjacke steigt in den Wagon, ich denk zu mir, da hätten die Tussis sich gefreut. Die Frau gegenüber hält ihr Ticket in der Hand und schaut mich immer noch an. Die Bahn hält lange. Ich fange an, mich für paranoid zu halten. Was fürne Memme, fährt 1mal schwarz und macht sich komplett ins Hemd. Mir ist warm. Nur noch eine Station. Die Türen schließen sich, die Bahn fährt an – der Daunenjackenmann sagt: “Guten Tag, die Fahrscheine bitte.”

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Die kuschelige Adventszeit

14 Dez

Neulich im Büro bei einer Kette für “preiswerte Geschenkartikel”:

Der Bezirksleiter ist auf Visite und sitzt telefonierend im einzigen Drehstuhl, gibt den Damen der Filialen Anweisungen, wie besonders geschäftsfördernd dekoriert wird. Hat das wahrscheinlich studiert, gibt sich jedenfalls geschäftsmäßig, während er über Plastiktannenzweige und “Thema: Kuschelig”  für den Tisch rechts hinten referiert. Er trägt große Mengen billiges Aftershafe und das Büro ist sehr eng. Die Filialleiterin steht mit Nikolausmütze auf dem Kopf zwischen den Kisten mit Engelsflügeln zum Umschnallen und nickt eifrig.

Er erklärt, dass nächste Woche ein Tisch mit dem Thema “Wein” gebaut werden solle, da könne dann das Glas “Provence” in größerer Menge präsentiert werden, und man habe einen Posten ganz exklusiven Dornfelder halbtrocken einkaufen können, der da zum günstigen Preis angeboten werden könne. Schön vielleicht noch das Windlicht “Dauphin” dazwischen, das sehe ja schließlich aus wie ein großes Weinglas. Vorschlag Filialleiterin: das Windlicht “Marlene” noch dazu, davon habe man noch einiges im Lager, und auf dem Schwarz-Weiß-Tisch sei das nicht allzu gut gegangen. Bezirksleiter fragt misstrauisch nach, wieso das denn nicht, in den anderen Filialen sei das sofort ausverkauft gewesen. Filialleiterin in der Defensive, es sei zusammen mit den schwarzen Leopardenfiguren dekoriert gewesen, der Tisch sei nicht so gut gelaufen, die Preise für die Figuren waren einfach zu hoch angesetzt, und zudem, der Laternentisch habe ja auch sehr viel Aufmerksamkeit gezogen, die großen Laternen seien übrigens sehr gut gegangen. Missbilligender Blick des Bezirksleiters, da müsse man sich dann wohl noch was einfallen lassen. Ob sie auch einen Muffin wolle, die habe er heute morgen in Bremen gekauft, beim kleinen Bäcker direkt neben der Filiale in der Sögestraße, 2 Stück nur 4 Euro, Sonderangebot. Filialleiterin kichert lauthals, sagt ganz verlegen “Och, wenn Sie mich so fragen…”, man krümelt gemeinsam und tauscht Sorten und lobt das wirklich günstige Sonderangebot.

Draußen im Laden die Hölle los, Adventszeit, Geschenkewahn, Schlange an der Kasse. Raumtemperatur 29°c, unter den Filzmützen herrscht subtropisches Klima. Man fragt nach der Chefin, ob sie immernoch im Büro am Kuchenessen sei. Man solle bloß aufpassen, dass man auf ihrer Schleimspur später nicht ausrutsche. Kundin kauft einen ganzen Korb Glasvasen, müssen alle eingewickelt werden, dafür bekommt sie ein besonders freundliches Lächeln.

Endlich eine Retoure, das kann nur die Chefin, die muss man leider aus der Besprechung rufen. Der Bezirksleiter beschließt daraufhin, sich volksnah zu geben, bindet sich eine Mitarbeiterschürze um und stellt sich neben die Kasse, scherzt mit den Kundinnen, wo ist denn das Einwickelpapier, Frau Schulz? Ach hier, ja, dann noch eine besinnliche Adventszeit! Vorsichtiger Hinweis von Frau Schulz, ähm, Herr Grundig, die Keksdosen sollten auch eingewickelt werden, die verkratzen sonst leicht. Was, ahja, gut. Kein Problem. Das Handy klingelt, da muss er drangehen, Besprechung mit einer anderen Filiale, da geht er dann mal lieber ins Büro.

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Produktion der Sandwiches

25 Nov

…oder auch:

Stullen schmieren in Nachtschicht.

Aus einer Stellenanzeige von Balzac Coffee:

Wir suchen ab sofort 3 Küchenhilfen (m/w).

Ihre Aufgaben:
- Gewährung des gleich bleibenden Qualitätsstandards unserer Produkte
- Unterstützung der Produktion der Sandwiches
- Einhaltung der mit den Vorgesetzten abgesprochenen Rezepte
- Einhaltung aller Hygiene-, Sicherheits- und Reinigungsvorschriften sowie der Kleiderordnung und des Arbeitsschutzes
- Verantwortung für die Ordnung und Sauberkeit in der Küche

Großen Wert legen wir auf Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft und Teamfähigkeit!

Einsatzzeit:
3:00 Uhr – ca.7:00 Uhr
25 bis 30 Stunden wöchentlich

Bei so viel Verantwortung muss eine Bewerbung wohlüberlegt sein…

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Nicht-Anrufen

19 Okt

Heute bin ich krank. Das habe ich irgendwann im Laufe des Tages beschlossen. Tatsächlich habe ich recht gemeine Halsschmerzen und eine ziemlich vereierte Birne – was aber auch daran liegen könnte, dass ich mal wieder nicht vor 10 Uhr aus dem Bett kam. Heute morgen erschien es einfach nicht sinnvoll aufzustehen, als der Wecker klingelte. Je später man aufsteht, desto kürzer die noch bevorstehende Bürozeit jener Menschen, die man dringend mal anrufen sollte. Desto kürzer die zu überbrückende Zeit, die man mit aktivem Nicht-Anrufen verbringen muss.

© amblauenmeer

Aktives Nicht-Anrufen beinhaltet, wie die meisten Prokrastinationsvorgänge, dass man sich beschäftigt mit Dingen, die verhindern, dass man anruft, ohne dass man tatsächlich etwas richtiges macht. Denn sobald man sich einer echten Aufgabe widmet, bedeutet das ja, dass man jetzt eine andere Aufgabe macht, obwohl man doch eigentlich anrufen sollte. Man nimmt sich also vor, anzurufen, tut es dann aber nicht, kann aber nichts anderes angehen, da man eigentlich jeden Moment anruft. Ganz schön anstrengend.

Aber heute bin ich ja schließlich krank; ein so wichtiges Telefonat sollte man nicht durchführen, wenn man sich nicht ganz wohl fühlt. Immerhin will man einen guten Eindruck hinterlassen, auf Nachfragen klug reagieren und ein gewisses Hintergrundwissen durchblicken lassen, wenn man sich nach freien Stellen erkundigt. Freien Stellen, die nicht offiziell ausgeschrieben wurden. Die höchstwahrscheinlich überhaupt nicht exisitieren. Aber trotzdem sollte man nachfragen, sich bekannt machen, vielleicht seinen Lebenslauf hinterlegen. Und eventuell auch anbieten, ein Praktikum zu absolvieren, also praktisch die gleiche Arbeit auch ohne angemessene Entlohnung durchzuführen, zumindest für ein paar Monate. Schließlich hat man ja keine großartige Berufserfahrung, das ist nunmal so nach einem Studium. Und die muss erstmal gesammelt werden. Damit man sie dann später vorweisen kann.

Und wenn man dann anruft, was sagt man da? “Guten Tag, ich bin arbeitslos, und wollte mal fragen, ob bei Ihnen ein Job frei ist, obwohl Sie keine Stellen ausgeschrieben haben.” Oder wie. Und wen ruft man an, die Abteilung oder die einzelnen Büros? Und wie schafft man es mit Würde, nach einer negativen Auskunft über freie Stellen die Kurve zum Praktikum zu kriegen? Das offensichtliche Problem ist ja, dass man diese Sachen nie rausfindet, solange man nicht einfach anruft. Aber irgendwie nicht anrufen will, solange man diese Sachen nicht weiß…

Heute bin ich ja krank, aber morgen muss ich dann wirklich mal anrufen.

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Katze & Butterbrot

31 Aug

Perpetual Motion Generator

Ein sehr hübsches Bild, das man sich wo hinhängen oder auch anziehen kann.

Quasi ein stilvolles Revival des alten Klassikers.

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MOON – kucken!!

30 Aug

Um die Einbettung von Youtube zu testen, hier ein Trailer des wohl besten Films, den ich in einer langen Zeit gesehen habe.

Gesehen im Kino am Raschplatz, das gottseidank wieder eröffnet ist…

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Testbild

30 Aug

Auch die Bilderfunktion möchte getestet werden…

ja, wunderschön

Und direkt drunter kann man dann weiterschreiben.  Stark.

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Testposting

30 Aug

Hier mal ein Test der WordPress-Variante.

Das mit dem Tempalte funktioniert ja schonmal ganz gut…

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